Quadratmetergärten und mehr

Von Sabine Westner

Immer mehr Menschen steigen in unseren turbulenten Zeiten auf Selbstversorgung um. Erstens um zu wissen, was in dem Gemüse, das sie essen alles dran und drin ist. Und zweitens um unabhängig von der Nahrungsmittelindustrie zu sein.

Allerdings hat nicht jeder einen Garten, schon gar nicht in der benötigten Größe. Für vollständige Selbstversorgung über das ganze Jahr (für zwei Erwachsene) bräuchte man nach John Seymore „Das große Buch vom Leben auf dem Lande“ ca. 1000 bis 1500 qm. Die Fläche für eigenes Getreide zum Brotbacken und Nudeln machen ist mit eingerechnet. Bei dieser Gartengröße bestünde allerdings keine Möglichkeit ein Brachjahr für jeweils einen Teil der Beete einzulegen.

Doch auch mit weniger Fläche lässt sich schon viel erreichen. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass wir aus einem ca. 50qm großen Ackeranteil genug Gemüse herausholten um ca. 2,5 Monate gar nicht einkaufen zu müssen. In den anderen 2,5 mussten wir etwas zukaufen. Eine gute Ernte für Anfänger wie uns, die noch nicht das Optimum aus ihrem Acker holen.

Sogar ganz ohne Garten ist Eigenanbau inzwischen möglich. Die Firma Omegagarden http://www.omegagarden.com/index.php?content_id=1500 hat sogenannte Indoorgärten erfunden. Das sind Gestelle auf denen die Pflanzen in einer Röhre quasi im Kreis herum um eine Pflanzenleuchte wachsen. Das heißt die einen wachsen normal von unten nach oben, die anderen dafür von oben nach unten, von links nach rechts und von rechts nach links. Immer schön der künstlichen Sonne entgegen. Das Wasser befindet sich in einer Schale am unteren Ende des Kreises und das ganze Gebilde dreht sich nun ständig langsam im Kreis, so dass die Wurzeln immer abwechselnd durchs Wasser gezogen werden.

Auf der Website sind Fotos zu bestaunen von Salat, Kräutern, aber auch Tomaten die auf diese Weise wachsen. Es sieht lustig aus und ist für eine balkonlose Stadtwohnung bestimmt eine gute Idee. Für Wurzelgemüse scheinen mir die Erde haltenden Metallteile auf den Bildern nicht tief genug. Wer unbedingt Karotten braucht könnt ja noch einen tieferen Trog daneben stellen und die Pflanzenleuchte obendrüber hängen. Der Vorteil dieses Indoorgartens, er ist völlig unabhängig von Sommer und Winter und der Witterung im Allgemeinen.

Balkone sind ebenfalls gute Anbauflächen. Meist ist oberhalb noch ein Balkon. Auf diese Weise überdacht, eignen sie sich hervorragend für Tomaten und Gurken. Beide wollen kein Wasser von oben aber doch viel Sonne. Auch Paprika mögen es gerne sonnig. Für Tomaten und Gurken braucht man noch einen Windschutz. Diese Fruchtgemüse tragen umso mehr, je mehr Erde sie haben. Also lieber große Töpfe nehmen. In den Balkonkästen lässt sich super Salat ziehen, oder Bohnen und Zuckererbsen. Auch Küchenkräuter sind genügsam und kommen mit weniger Erde aus.

Wenn du in einem Mehrfamilienhaus wohnst mit Flachdach, oder Garagen mit Flachdach, dann versuche doch mit den Besitzern über Dachbegrünung zu sprechen. Meine Tante hat schon seit bestimmt 10 Jahren auf ihrem Garagendach ein Gemüsebeet und erntet tolles Gemüse. Sogar richtig lange Karotten. Sie hat ca. einen halben Meter Erde auf dem Dach. Ob Dachgarten oder kleiner eigener Garten, um Platz zu gewinnen kann man Hügelbeete aufschütten, oder einen künstlichen Hang im Garten schaffen. Was bei viel Schatten auch nützlich wäre, um das bisschen Sonne besser auszunützen. Natürlich neigt sich dein Hang Richtung Süden. Auf alle Fälle lässt sich bei geschickter Fruchtfolge auch aus kleinen Beeten viel rausholen. Auf Kohlpflanzen sollte man vielleicht verzichten. Sie haben einen ungeheuren Platzbedarf durch ihr Blattwerk. Blumenkohlpflanzen kommen leicht auf 60cm Durchmesser. Unter den Blättern ist es so schattig, dass selbst Unkraut nur sehr spärlich wächst. Mehr Infos über Quadratmetergärten sind im Buch „All new square foot gardening – grow more in less space“ von Mel Bartholomew nachzulesen. Leider nur in englisch.

Für alle die weder einen eigenen Garten, oder Balkon haben noch Lust auf Indoorgarten verspüren, oder einfach mehr Anbauen möchten gibt es etliche Möglichkeiten.

Das bekannteste sind wohl die Kleingartenvereine. Doch bei denen muss man sich gut informieren. Die wenigsten lassen dich auf deinem Stück Garten das anbauen was du willst. Es ist oft vorgeschrieben, wie viel Rasen-, Gemüse- oder Blumenfläche gepflanzt sein darf. Das kann ärgerlich werden wenn man’s vorher nicht weiß.

In ländlichen Gegenden sind die Sonnenäcker verbreitet. Das ist entweder Gemeindegrund oder eines Bauern Feld. Diese Fläche wird vom Eigentümer hergerichtet und in sogenannten Strangen eingeteilt. Das sind aufgehäufte Reihen, die ca. einen halben Meter auseinander liegen, so dass man dazwischen gut durchlaufen kann. Angepflanzt wird auf den Strangen. Mieten kann man sich so viele Strangen wie man möchte. Bei uns liegt der Preis bei 45€ pro 100m Strang. Eine vorherige Anfrage nach Düngung beim Acker herrichten kann nicht schaden. Oft sind sie mit Mist versorgt. Bei der Menge an Medikamenten, die die lieben Tiere häufig bekommen ist es fraglich, ob man darauf sein Gemüse pflanzen sollte.

Ähnlich wie die Sonnenäckern, nur viel besser macht es ein Bauer im Chiemgau (da wir keine Freigabe erhalten haben, lassen wir den Namen weg und laden ihn einfach per Email ein, die Daten – wenn gewünscht – in einem Kommentar hier im Blog zu ergänzen. Das gleiche gilt für alle anderen Bauern, die ähnlich arbeiten: Einfach Eure Angebot als Kommentar zu diesem Artikel dazustellen!!). Der chiemgauer Bauer hält Gemüsefeld-Lernprojekte ab. Von Mai bis Oktober wird sich jeden Samstag auf dem Acker getroffen. Dort teilt er die Arbeit zu. Während dieser Arbeit auf dem Feld gibt er eine Vielzahl von Informationen über den Anbau weiter. Ebenso zur Ernte, Lagerung und Saatgutgewinnung. Vom Ertrag steht dem Teilnehmer soviel zu, wie auf 60m Strangen wächst. Dafür zahlt man 45€ im Monat. Das ist eine gute Sache. Vor allen Dingen für Neulinge. Sie können auf diese Weise das Anbauen erlernen ohne viele Bücher schmökern zu müssen. Momentan sind ca. 70 Familien dort „in der Lehre“.

Ein weiterer guter Grund für solch ein Gemeinschaftswerk sind die Pflanzen selbst. Ein Bauer berichtete, dass er schon alle möglichen Anbauformen getestet hat. Gärten nach Feng Shui, Mondstand und anderen energetischen Richtlinien. Das funktionierte auch gut. Aber mit vielen Familien gemeinsam die Äcker zu bepflanzen und danach mit Liegestuhl und Picknick dort zu verweilen, sei den Pflanzen noch besser bekommen. Sie wachsen wunderbar ohne Feng Shui und sonstigen energetischen Aufwand.

Hast du einen Biobauern in deiner Nähe? Frag ihn doch ob er an so einem Projekt Interesse hätte. Falls er zweifelt, suche dir Gleichgesinnte. Wenn 15 Familien gemeinsam fragen, dann überlegt er es sich eventuell.

Ein weiteres spannendes Projekt im Chiemgau ist der Sonnenalmgarten sonnenalm-garten@gmx.de http://sonnenalmgarten.blogspot.com/ . Einfach mal reinschauen, wobei da wohl leider im ersten Jahr das Wetter überhaupt nicht mitspielte wie gewünscht und alles überschwemmte.

Aber es muss ja nicht immer gleich ein Großprojekt sein. Wann immer sich ein paar Menschen zusammen tun haben sie die Möglichkeit sich kleine Paradiese zu schaffen. Es gibt immer Bauern, die Felder verpachten. Auch Kirchengrund ist oft landwirtschaftliche Fläche und wird alle 3 Jahre neu verpachtet. Der Altpächter hat dabei immer Vorrang vor dem Neupächter.

Meine Familie und ich haben zusammen mit zwei weitern Familien ein Stück Land. Wir haben das Glück, dass einer davon Hobbylandwirt ist und somit keine Pacht anfällt. Der Acker ist quadratisch. Die Beete sind in Form eines Kreises angelegt. In der Mitte ist eine Feuerstelle und Platz für Bierbänke und geselliges Beisammensein. Der darum liegende Kreis ist in drei gleichgroße Stücke durch Wege geteilt. Um den Kreis geht wieder ein Weg und die vier Ecken nutzen wir ebenfalls zum Anbauen. Das ist unser oben schon erwähntes ca. 50qm Beet.

Derartige „Kleinprojekte“ lassen sich ohne große Kosten sehr leicht umsetzen. Ein Hektar Ackerland kostet bei uns (1/2 Stunde westlich von München) ca. 300 Euro im Jahr.

Ich kann das Anbauen nur wärmstens empfehlen. Mit den Händen in der Erde zu graben beruhigt den Geist und tröstet die Seele.

Ich bin immer zutiefst beglückt und zufrieden von unserem Acker nach Hause gekommen. Und spätestens wenn das Gemüse anfängt zu wachsen durchströmt einen die Dankbarkeit, dass die Erde für einen sorgt. Es lässt so manchem spirituellen Liedtext über Mutter Erde eine noch tiefere Bedeutung zukommen. Zur Erntezeit, als ich immer mit vollen Taschen nach Hause kam, hat sich das Glück und die Dankbarkeit noch weiter ausgebreitet. Nämlich beim Kochen der wunderbaren Nahrung und dann wieder beim Essen. Es ist ein Kreislauf der einem nur Heilung bringen kann. Wenn Pflanzen schon beim säen liebevoll behandelt werden, mit Zufriedenheit und Dankbarkeit gepflegt werden, voller Freude geerntet, dann esse ich all das, was ich selbst in sie investiert habe wieder mit. Und das schmeckt man. Für mich ist das der Grund warum das eigene Gemüse sogar besser schmeckt als das Gemüse vom Bioladen.

Teilweise wird Gemüseanbau schon therapeutisch verwendet. Ein befreundeter Sozialarbeiter berichtet, dass „seine Obdachlosen“ bei Biobauern arbeiten. Dieses Projekt dient der Unterstützung der Wiedereingliederung in das normale Leben. Wie er sagt, mit gutem Erfolg.

Mein Lieblings-Buchtipp zum Eigenanbau ist „Der Kosmos im Garten“ von Wolf-Dieter Storl. Es ist herrlich zwischen den Zeilen seine Achtung vor der Erde und den Pflanzen, ja sogar vor den „Schädlingen“ zu lesen. Außerdem ist ein Arbeitskalender für das Gartenjahr beigefügt, nach dem man sich recht gut richten kann. Und er kommt ohne Einkochen, nur mit richtiger Lagerung und einigen Wintergemüsen durch die kalte Jahreszeit. Das spart eine Menge Zucker und Salz in der Ernährung, die im Eingemachten zwangsweise drin sind.

Dann gibt es noch das Buch „Permakultur“ von Sepp Holzner. Hier ist auch ein Kapitel über kleine Gärten enthalten.

Auch spannend ist Bauer Braun mit seinen Regenwürmern.
Hierzu ein Auszug aus dem Buch „Große Krise – große Chance, neue Lösungen für eine neue Welt“ von Bärbel Mohr:

Bauer Braun pflügt seit 18 Jahren seinen Boden nicht mehr. Das klingt nach Katastrophe. Aber der Test ergibt das Gegenteil. Ein durchschnittlicher, landwirtschaftlich genutzter Boden in Bayern enthält 12 bis 18 Würmer pro Quadratmeter. Der Boden von Bauer Braun enthält auf der entsprechenden Fläche zirka 350 Würmer! Bis maximal 600 Würmer kann man im Boden pro Quadratmeter finden.

Bayerischer Boden verfügt – von der Oberfläche her nach unten gemessen – über zirka 20 Zentimeter fruchtbaren Boden. Wer sein Land nach dem Terra-Preta-System bewirtschaftet (Kohle und organische Reste werden dabei in den Boden eingebracht), erhält bis zu zwei Meter fruchtbaren Boden.

Würmer und Terra Preta – bei einem solchen Boden ist Hochwasser unmöglich. Ein so durchlüfteter Boden saugt außerdem CO2 an und speichert es im Boden als Nährstoff für die Pflanzen.

Professor August Raggam hat errechnet, dass das überschüssige CO2 der Welt komplett durch Humus gebunden werden könnte. Aus seiner Sicht müsste man auf den weltweit 500 Milliarden Hektar landwirtschaftlicher Fläche den Humusgehalt jeweils um 10 Kilogramm pro Quadratmeter anheben.

Derzeit sind es nur 4 Kilogramm pro Quadratmeter. Bevor die Menschheit begann, auf unvernünftige Art und Weise ihre Böden auszunutzen, waren es jedoch 30 Kilogramm. Wenn man nur etwas sinnvoller Landwirtschaft betreiben würde (Öko-Landbau, ein bisschen mehr in Richtung Terra Preta wie Bauer Braun etc.), dann wären aus der Sicht von Professor Raggam immerhin 10 Kilogramm mehr – also 14 statt jetzt 4 Kilogramm – gut zu schaffen.

Daraus ergibt sich allerdings auch die sehr simple Logik, dass die größten CO2-Emissionen von unserer Art der unnatürlichen Landwirtschaft herrühren. Wenn wir die Böden nur zur Hälfte regenerieren würden (nach Raggam) würde das reichen, um das CO2 wieder zu binden. Was nicht heißt, dass wir uns über den Rest der CO2-Emissionen keine Gedanken zu machen brauchen. Alles was die Umwelt schädigt, sollte geändert werden, egal ob es schon akut nötig ist oder ob noch ein bisschen Spielraum da ist.

DVD-Tipp: Der Bauer mit den Regenwürmern: Dokumentarfilm 45 Minuten von Bertram Verhaag und Waldemar Hauschild

PS: Frisch entdeckt: http://www.undergroundhousing.com/
Die Website ist leider nur in Englisch, aber wenn man weiter runterscrollt gibt es ein Buch zu einem solarbetriebenen Ganzjahresgewächshaus, das sehr spannend aussieht.

Mehr Infos und mehr Ganzjahresgewächshäuser auch hier: http://www.baerbelmohrblog.de/oeko/20091103/100-euro-untergrundhaus.html

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05.Oktober 2009 um 12:26 Baerbel

Artikel gespeichert unter: Öko

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bisher 1 Kommentar Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. Raphael  |  23.November 2009 at 15:37

    Wow, das sind ja wirklich jede Menge interessante Infos. Da weiß ich gar nicht wo ich zuerst ein Mal kommentieren soll. Vor allem der Omegagarden und der CO2 bindende Boden erscheint mir höchst interessant.

    Weiß jemand vielleicht, warum diese Studie über die Möglichkeit CO2 im boden zu binden so unbekannt ist? Nach diesem Prinzip wärees doch relativ leicht CO2 zu binden und die Reduktion der Treibhausgase wäre viel billiger.

    Dass die industrialisierte Landwirtschaft das Thema nicht so toll findet, verstehe ich ja. Aber dass auf der Seite der Ökobewegung nicht mehr über dieses Thema gesprochen wird, wunder mich. Oder bin nur ich schlecht informiert?

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